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Erfahrungsbericht "Wanderung über den Jakobsweg" PDF Drucken E-Mail
Montag, 02 November 2009
ElisabethMein Name ist Elisabeth, ich bin 55 Jahre alt, verheiratet und habe 3 Kinder, die das "Hotel Mama" sehr schätzen. 2005 erkrankte ich an Brustkrebs und erhielt 6 Chemotherapien, 36 Bestrahlungen und 17 Herceptin-Infusionen. Vor der ersten Chemotherapie begann ich mit Nordic Walking, um nicht völlig "bewegungslos" meine Tage verbringen zu müssen.
Ich war sicher genauso in meinen Grundfesten erschüttert wie jeder an Krebs Erkrankte. Mein Körper und auch mein Körpergefühl hatte mich völlig im Stich gelassen. Obwohl bereits viele Menschen in meiner Familie an Krebs erkrankt waren bzw. verstorben sind hatte mich nichts auf diese schwere Zeit vorbereitet. Trotzdem versuchte ich mich soviel wie möglich zu bewegen und hatte dadurch auch viele Nebenwirkungen in geringerem Maße, als die Mitpatientinnen, die sich nicht bewegten. Bei einem Onko-Walk des Hauses Lebenswert erzählte Dr. Baumann von seinem Vorhaben, 12 Frauen auf den Jakobsweg zu schicken. Ich war begeistert und sagte am gleichen Tag zu.

Während vieler Urlaube an der spanischen Atlantikküste hatte ich am sogenannten "Camino norte" die Jakobsmuschel und die gelben Pfeile ( Wegweiser ) gesehen und davon geträumt, diesen Weg einmal zu gehen.

Dieser Traum hat sich erfüllt und wird mich mein ganzes Leben lang begleiten. 800 km quer durch ein Land zu gehen, dessen Sprache ich nicht spreche, ohne fest gebuchte Unterkünfte und bepackt mit einem Rucksack, dessen Gewicht ( 10 kg ) mich beeindruckte. Ohne meine Familie und Freunde, getrennt von allen und allem was mir wichtig war und ist.


Es schien mir alles sehr verwegen. Außerdem hatte ich beschlossen, in keine Herberge zu gehen und mir keine Flöhe einzufangen. Und alleine wollte ich auch nicht gehen, das schien mir doch sehr langweilig zu sein. Doch nach wenigen Tagen unterwegs habe ich mich abgesetzt und bin alleine gegangen. Es war die beste Entscheidung, die ich treffen konnte.

Ich hatte so viele Erlebnisse meines Lebens noch zu verarbeiten. Das ging beim " Alleingang " am besten, auch konnte ich dadurch in meinem Rhythmus gehen und wurde nicht fremdbestimmt. Meine Abneigung gegen die Pilgerherbergen habe ich sehr schnell verloren, sogar mit Flöhen bin ich klargekommen ( allerdings nur einmal, Gottseidank! ) Das gemeinsame Essen und abendliche Zusammensein mit Pilgern aus vielen Ländern war sehr lehrreich und interessant. Alles wurde geteilt und niemand benachteiligt. Die Gründe für diese Pilgerreise waren so zahlreich wie die Pilger, und der Austausch darüber war von großer Toleranz und Ehrlichkeit geprägt. Jeden Tag hieß es Abschied nehmen von Menschen und Orten. Doch es gab immer wieder einen nächsten Ort und neue Menschen.


Mit jedem Tag unterwegs wurde ich fitter und es kehrte eine gewisse Routine ein. 8 Uhr losgehen, am Nachmittag in der Herberge ankommen, Bett suchen, auspacken, waschen, duschen, Abendessen, schlafen. Das gleichmäßige Gehen hatte etwas meditatives und meine Gedanken machten sich selbstständig. Das war nicht immer einfach, weil viele Erlebnisse meiner Vergangenheit wieder auftauchten, Aber so hatte ich auch die Chance vieles zu verarbeiten. Meine Seele wurde täglich leichter und auch mein Rucksack schien mir nicht mehr so schwer. Ich überquerte viele Berge und Hügel und manchmal schien der Weg kein Ende zu nehmen. Vor allem bei Regen und Sturm kam mir jeder km doppelt so lang vor. Aber jeden Abend war ich stolz, nicht aufgegeben zu haben. Es gab Hunger, Durst, müde Beine, Blasen an den Füßen, Hühneraugen, schlechte Laune, Trauer, Wut und manchmal auch die Frage, warum ich mir das alles antue.

Aber die vielen guten Erlebnisse wogen all das auf. Denn es gab auch die Mitpilger, die einen zum Lachen brachten, wenn gerade so gar nichts mehr ging. Es gab diese vielen fürsorglichen Hospitaleros, die für alle sorgten, die Essen, ein Bett und eine Heizung brauchten. Die moralischen Beistand gaben und einen am nächsten Morgen mit guten Wünschen wieder auf den Weg schickten. Es gab wunderschöne Landschaften, Schnee, Sonnenschein, die ersten Frühlingsblumen, den Rotwein zum Abendessen, die herrlichen Orangen, das Frühstück in der Bar, Blasenpflaster und Sonnencreme, Herbergen mit Fußpflege, Klöster mit Einzelzimmern, Wiedersehen mit Pilgern die man längst schon weit voraus glaubte, und täglich die Freude wieder loszugehen. Ich schloss Frieden mit mir selbst und gewann jeden Tag wieder mehr Vertrauen in meinen Körper. Er brachte mich voran, trug mein Gepäck und ließ mich nicht mehr im Stich. Ich lernte wieder zu riechen, schmecken, hören und genießen. Alle Sinne belebten sich und ich hatte wieder Freude an vielen kleinen Dingen und Situationen des Alltags. Nur die größeren Städte auf dem Weg waren mir unangenehm. Sie waren laut, rochen nicht gut und verbreiteten ein Gefühl der Hetze und Eile. Ich lernte die Stille und auch manchmal Einsamkeit des Weges zu genießen. Trotzdem war es eine Riesenfreude Frauen aus unserer Gruppe zu wiederzusehen und auch mal ein kleines Stück Weg gemeinsam zu gehen. Hin und wieder gönnte ich mir eine Übernachtung in einer Pension oder einem kleinen Hotel, denn ich bin ein Nachtmensch und in den Herbergen ist meist gegen 22 Uhr " Zelleneinschluss". Aber zu meiner Verwunderung stellte ich fest, dass ich nicht mehr schlafen konnte, wenn ich alleine war. In den Herbergen schlafen 4 - 150 Personen in einem Raum. Es wird geschnarcht, was das Zeug hält und die vielen Gerüche sind nicht immer die angenehmsten (Schweißfüße, Blähungen, Wanderschuhe, Schwitzen etc.) aber ohne das konnte ich auf einmal nicht mehr schlafen. Ich habe soviel gelernt auf dem Camino, wie ich es nie für möglich gehalten hätte. Gepolsterte Stühle, eine gute Matratze und eine Waschmaschine weiß ich seitdem mehr zu schätzen als zuvor. Ich habe gelernt mich zu bescheiden, aber auch meine Bedürfnisse ernst zu nehmen.


Meine Fitness ist gewachsen und ich traue mir viel mehr zu, als vor dem pilgern. Ich genieße das Zusammensein mit meiner Familie und unseren Freunden, denn die habe ich auf dem Weg oft vermisst. Aber ich habe dort neue Menschen kennengelernt, die mir heute viel bedeuten. Von uns 12 Frauen haben 9 den Kontakt gehalten und wir treffen uns zweimal im Jahr, um ein paar Tage gemeinsam den deutschen Jakobsweg zu gehen. Jede einzelne von ihnen war es wert, diesen Weg gegangen zu sein und ich glaube, wir sind uns immer nah und sehr vertraut. Es waren viele km zurück zu mir selbst und hin zu meinem Weg in die Zukunft. So eine wunderbare Erfahrung wünsche ich jedem Krebserkrankten. Bewegung, Mut und Offenheit sind keine Hemmnisse auf dem Weg, den solch eine Erkrankung einem auferlegt. Vielleicht lernen wir alle, auch unsere Ärzte, unseren Körpern mehr zuzutrauen. Wir sollten jeder unseren Weg auf unsere eigene Weise gehen dürfen. Das erhoffe ich mir für alle.

Letzte Aktualisierung ( Dienstag, 10 November 2009 )
 
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